Bedingungslos

Sie wünschte ihm wie immer viel Erfolg, bevor er ging und sie zurückließ. Ihr Lächeln war schwer und aufgesetzt, weder so herzlich noch so strahlend wie es einmal war. Das wusste er. Das bemerkte er. Seit zwei Jahren ging das nun schon so. Sie setzte ihr Lächeln auf, um den Leuten etwas vorzumachen. Um es ihnen rechtzumachen. Doch das konnte sie nicht. Egal was sie tat, sie war immer auf PR aus und suchte die Aufmerksamkeit der Presse. Immerhin war sie abgehoben, arrogant und unterkühlt. Dabei war sie genau das Gegenteil. Sie war selbstlos und bodenständig. Ja, sie lenkte die Medien auf sich, indem sie sich herausputzte und gut aussah. Allerdings trug sie die Kleidung nicht wegen der Aufmerksamkeit, die Aufmerksamkeit entstand wegen ihrer Kleidung. Sie trug, was ihr gefiel. Mode war für sie eine Ablenkung von all dem Trubel, um die nächsten bösen Schlagzeilen beiseite zu schieben und ein einigermaßen normales Leben abseits der Presse zu führen. Abgesehen davon tat es gut, wenn es mal zur Abwechslung statt den etlichen Negativkritiken an ihrer Person Komplimente und Lob für ihre Outfits gab. Sie liebte Kleidung. Sie liebte Schmuck. Sie liebte den Friseurgang – und sie liebte ihren Mann.

Seine Frau kannte ihn besser, als er sich selbst. Mit der Zeit veränderte er sich, wurde ruhiger und verschlossener. Er machte einen unglücklichen Eindruck und ihr Mann war kein Mensch von Traurigkeit, er war voller Energie und Freude, war mit Spaß bei der Sache – egal was er tat. Einen lebensfroheren Mensch kannte sie nicht und es war nicht selten, dass sie sich dabei erwischte, wie sie ihren Mann verträumt beobachtete und sich dachte: „Mein Gott, warum kannst du nicht so sein? Warum schneidest du dir nicht eine Scheibe von dieser Zufriedenheit ab und genießt dein Leben? Warum machst du dich nicht endlich frei und locker?“ Sie gab sich den Gedanken hin, die sie betrübten, da ihre Antwort so unpassend war. „Weil er mich glücklich macht und ich ihn nicht im Stich lassen kann.“ Sie wusste es. Ihr Bauch hatte sie bereits vor Jahren vermuten lassen, dass es so sein könnte. Natürlich durchschaute sie ihn. Sie war seine Frau. Sie kannte ihn besser als jeden anderen Menschen auf dieser Welt. Er befürchtete schon, dass sie Bescheid wusste. Sie lächelte ihm mehr und mehr im Zuspruch an und behandelte ihn, als könnte er jeden Augenblick zerbrechen. Sie machte sich zu viele Gedanken um alles, das war ihm schon immer aufgefallen. Seine Frau wirkte selten glücklich. Manchmal beinahe verbittert. Das tat ihm weh, doch er liebte sie. Er dachte, es sei nun einmal ihr Wesen.

Nachts im Bett bemerkte er, dass sie ihn beobachtete, als wollte sie etwas sagen, aber nicht wissen, wie sie das anstellen sollte. Einige Wochen ging das so, bis sie den Mut fasste und aussprach, was im Raum und zwischen den beiden stand – ohne wirklich beachtet zu werden. Am Frühstückstisch legte sie ihre Hand auf seine und streichelte sie sanft zwischen Müslischale und Zeitung. „Ich weiß es, Schatz“, sagte sie in einer Stimme, die keinen Vorwurf oder sonst dergleichen in sich barg. Er sah sie fragend an, als er den Blick vom Zeitungsartikel nahm. Ihre Augen waren so eindringlich, dass er sie verstand und für einen kurzen Augenblick rutschte ihm das Herz in die Hose. „Du brauchst dich nicht schlecht fühlen. Das bist eben du und dafür solltest du dich nicht schämen.“ Bevor er etwas erwidern konnte, zog sie ihre Hand zurück, erhob sich und drückte ihm einen Kuss auf die Stirn. „Ich komme heute mit zum Training.“

Das tat sie und doch bekam sie nicht viel davon mit. Sie hatte sich in ihre Gedanken zurückgezogen. Ihr Mann war ebenso wenig bei der Sache. Vom Trainer und den Mitspielern hagelte es Kritik an seiner Leistung. Man fragte ihn, was mit ihm los sei, bis der Trainer es fürs Beste hielt ihn für den Tag zu entlassen. In der Umkleide saß er auf der Bank und starrte ins Leere. Er trottete unter die Dusche und ließ das kalte Wasser auf sich niederprasseln. Seine Hände drückten in die kalten Fliesen – so jedenfalls fühlte es sich an. In diesem Moment war er allein und unter dem Wasserstrahl hätte man seine Tränen ohnehin nicht gesehen, also ließ er sie laufen.

Er liebte seinen Beruf. Er liebte Sport. Er liebte seine Frau – und er liebte Männer. Das war nicht immer so. Das jedenfalls glaubte er. Er war immer glücklich mit seiner Frau gewesen und sie mit ihm. Dann bemerkte er eine andere Seite an sich und dass seine Frau allein ihn nicht mehr hundertprozentig glücklich machte. Jedenfalls nicht auf die Weise, wie es die Partnerin tun sollte. Er liebte sie und doch tat er es nicht. Da gab es dieses unerklärliche Verlangen – dieses Interesse an Männern –, das er sich weder eingestehen noch zulassen konnte. Er wollte es nicht. Es zu ignorieren fiel jedoch zunehmend schwerer. Besonders beim Training. Zwar gab es keinen Mann in seinem Team, den er sexuell anziehend fand, aber die Neugier wuchs. Männer. Allein der Gedanke schwul zu sein, brachte ihn um den Verstand. Dass allein die Tatsache ihm das Leben erheblich erschweren würde, setzte ihm zu. Aber schwul und das als Profisportler – als Fußballer? Das Ende seiner Karriere. Also behielt er sein Geheimnis für sich. Ein Geheimnis, das keines mehr war. Nicht mehr. Seine Frau wusste Bescheid und bald wusste es die ganze Welt. Das jedenfalls redete er sich ein.

Die Tür zur Umkleide schlug auf und der Rest des Teams kam in den Raum. Er riss sich zusammen und stellte das Wasser ab. Mit einem Handtuch um die Hüften ging er zurück zu den übrigen Spielern. Er durfte sich anhören, dass er sich zusammenreißen und Vollgas geben müsse. Die nächsten Spiele waren entscheidend für das Team. Es war vor zwei Jahren in die erste Liga aufgestiegen und da wollten sie sich halten, was nach aktuellem Stand jedoch auf der Kippe stand. Ranklotzen statt Motzen. Das war ihr Motto. Das rieten sie ihm, obwohl er doch gar nicht motzte. Er war nur unsicher, mit den Gedanken woanders. Während er sich anzog, zogen die sich aus. Er spürte die Aufregung tief in seinem Inneren, die ihn dazu verleitete aus den Augenwinkeln heraus die Körper seiner Mitspieler zu betrachten. Eigentlich waren sie seine Freunde und für ihn nicht ansatzweise interessant. Seine Neugier trieb ihn dazu. Scham und Abscheu überkamen ihn gegenüber seinem eigenen Verhalten. Er zog sich zurück und fing seine Frau ab, die ihn bereits mit dem gewohnten Lächeln – ob aufgesetzt oder nicht – am Auto erwartete. Zwei der anderen Spielerfrauen verabschiedeten sich, bevor sie losfuhren.

In der Auffahrt vor ihrer gemeinsamen Wohnung hielt er an. Ihre Hand legte sich auf seinen Oberschenkel. Er umklammerte das Lenkrad mit beiden Händen und hielt es fest. Ihr Daumen streichelte ihn, während sie ihn mitfühlend beobachtete. Sie sah seine Wut, seine Verzweiflung, seine Scham. Doch sie brachte kein beruhigendes oder tröstendes Wort über die Lippen. „Du weißt es also?“, fragte er sie. Sein Blick verschwamm, als er ihr Nicken wahrnahm. Seine Stirn sank auf das Lenkrad. „Scheiße“, seufzte er. „Es tut mir so leid.“ Seine Frau spürte nun auch die Tränen aufsteigen, ließ sie ihre Augen jedoch nicht verlassen. Stattdessen klopfte sie ihm auf den Oberschenkel. „Nein“, sagte sie und durchfuhr sein Haar. „Das muss es nicht. Ich werde niemanden davon erzählen.“

Er konnte ihr nicht mehr geben, was sie seiner Meinung nach brauchte, ohne zu wissen, dass er ihr alles gab. Er allein genügte ihr. Sie bot ihm an, an seiner Seite zu bleiben, damit niemand davon erfahren musste. Anfangs klang das nach einem guten Plan, der mit der Zeit nicht mehr funktionierte. Sie liebten sich noch immer. Die Presse hingegen liebte den Klatsch und Tratsch. Zwar gab es keine Artikel über ihn, doch seine Frau geriet mehr und mehr ins Visier der Reporter. Obwohl sie die roten Teppiche so gut es ging, mied – oder gerade deshalb –, wurde sie in den Medien zerrissen. Sie sei abgehoben und fühle sich als etwas Besseres, da sie ihnen so selten die Ehre erwies und der Presse die kalte Schulter zeigte. Ihre aufgesetzte Art blieb den Kameras nicht verborgen. Vereinzelt wurden Spekulationen einer bevorstehenden Scheidung oder zumindest einer Ehekrise vorangetrieben. Die Mehrheit stempelte sie jedoch aufgrund ihrer Art als arrogant, selbstgefällig, unecht und weiß Gott was ab. Daran hatte sie immer schwerer zu knabbern. Sie wollte es nicht an sich heranlassen, was nahezu unmöglich war. Sie verlor ihren Appetit und etwas Gewicht, was ihr direkt als Magerwahn ausgelegt wurde. Also zwang sie sich zum Essen. Sie zwang sich zum Lächeln. Nichts was sie tat, machte sie gerne. Abgesehen davon ihrem Mann beizustehen. Ja, sie lenkte die Medien auf sich, wenn auch unbeabsichtigt. So sehr sie es hasste, so sehr war sie froh darüber, denn sie blieben ihrem Mann von den Fersen.

Ihr Mann liebte sie, weshalb er ihr Leiden nicht länger mit ansehen konnte. Seine Entscheidung kostete ihn Zeit und Kraft, nicht aber seine Karriere. Er outete sich. Zunächst bei seinem Team und dem Verein. Dann kam die Trennung von seiner Frau, die die Presse auf seine Homosexualität aufmerksam machte. Er dementierte die Gerüchte nicht und bestätigte sie ebenso wenig. Sein Privatleben ging niemanden etwas an. Selbst als man ihn und eine männliche Begleitung ablichtete, gab er kein Statement ab. Seine Profisportlerkarriere, seine Leistung, sein Talent – das alles litt nicht unter seiner Sexualität. Natürlich war es nicht leicht und natürlich haben sich vereinzelt Leute von ihm abgewandt. Das hatte er kommen sehen. Den breiten Zuspruch hingegen hatte er nicht erwartet. Er war ein schwuler Fußballspieler. Ein schwuler Mann im Profisport. Er war kein Einzelfall, jedoch einer der ersten, der den Vorurteilen trotzte und sich dennoch als Homosexueller outete. Ohne seine Frau – die angeblich abgehobene Spielerfrau, die sich zu fein für Red-Carpet-Auftritte war und sich ohnehin lieber mit sich selbst beschäftigte, arrogant und unecht war – hätte er den Mut dazu nicht gefunden. Sie musste so viel über sich ergehen lassen und hatte sich aufgeopfert. Sie war das Gegenteil von dem, was die Presse schrieb. Jetzt durfte sie sich als geldgeile Goldgräberin bezeichnen lassen, da sie lieber mit einem schwulen Mann verheiratet war, als selbst arbeiten zu gehen. Die Presse liebte es die Spielerfrau zu zerreißen. Die Spielerfrau, aber, liebte ihren Mann, egal was die Journalisten über sie sagten oder schrieben. Er war alles, was sie brauchte, obwohl er auf Männer stand. Sie war alles, was er brauchte, um den Mut zu fassen, um zu sich selbst zu finden. Sie liebten einander, wenn auch auf unterschiedliche Weise.

Er ist Fußballer mit Leib und Seele. Er ist begnadet und talentiert. Ein Profisportler – und er liebt Männer. Seine Frau liebte ihn bedingungslos. Was für sie möglich war, sollte jedem anderen umso leichter gelingen.

Das Leben ist nicht schwarz oder weiß. Es ist bunt – und aufrichtige Liebe bedingungslos.

 

© D. B. Granzow

 

Kleine Anmerkung:

Diese Kurzgeschichte entstand spontan im Rahmen eines Wettbewerbs, dessen Teilnahmebedingung darin bestand, eines der Themen „Homosexualität im Profifußball“ oder „Vorurteile gegenüber Spielerfrauen“ als Schwerpunkt zu wählen. Ich habe beide kombiniert und heraus kam diese Kurzgeschichte. Hoffentlich gefiel sie Dir.

D. B. G.

 

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