Leseprobe: Exklusiver Snack – Kapitel 3

*ACHTUNG! Könnte ganz leichte (minimale) SPOILER von Raubzug des Phoenix enthalten*

DREI

 

In den Schlaglöchern der aufgerissenen Asphaltdecke, die sich über Teile der Siedlung erstreckt, hat sich der Regen von letzter Nacht gesammelt. Vereinzelt hüpfen Kinder von der einen Pfütze zur nächsten. Ich beobachte sie flüchtig, während ich mir meinen Weg zum anderen Ende der Siedlung bahne. Mich überrascht es immer wieder, dass es hier so viele Kinder gibt. Ich würde kein Kind auf diese furchtbare Welt bringen wollen. Ich mag Kinder sehr und hätte auch liebend gerne irgendwann eigene, dennoch könnte ich es nicht mit meinem Gewissen vereinbaren, ihnen ein solch grausames Leben zuzumuten. Obwohl ich mir häufig ausmale, wie ein Leben ohne die Plünderungen und ohne die Stadt aussähe, kann ich mir nicht vorstellen, dass es irgendwann tatsächlich einmal so sein wird. Die Menschen glauben, dass sie auf die Güter der Stadt angewiesen sind, doch das stimmt nur bedingt. Die Medizin bleibt weiterhin eines der wenigen Dinge, die lebensrettend sind. Und dennoch wollen es die meisten nicht verstehen. Sie haben sich über Jahrzehnte von den Gütern abhängig gemacht und werden ihr Verhalten wohl nicht so schnell ändern können. Wo ich gerade von Veränderung spreche, fällt mir das Haus in der Ferne auf, das ich ansteuere und in dem meine Familie wohnt. Nach meiner Ankunft hatte ich gehofft, dass sie sich geändert hätten – und so war es zunächst auch allem Anschein nach. Doch es hielt nicht lange an. Das war der Grund, weshalb ich in das leerstehende Haus ausgewichen bin. Ich hätte es hier keinen Tag länger mehr ausgehalten. Meine Hand öffnet die Wohnungstür, die im Gegensatz zu meiner, nicht knarrt.
»Hallo! Jemand zu Hause?«, höre ich meine Stimme zwischen den Wänden rufen, bevor ich richtig eingetreten bin. In der Küche ist niemand. Ungewöhnlich. Neben dem Haus hatte ich auch schon niemanden gesehen. Zu dieser frühen Stunde hacken Vater, Maarsh, Yisle oder Dew normalerweise Holz.
»Hayden, bist du das?«, höre ich eine heisere Stimme um die Ecke rufen. Dem Krächzen folgt ein klopfendes Aufsetzen einer Tasse auf den Tisch. Ich wette in der Tasse ist Minztee, den Lore eigentlich fast immer trinkt.
Ich kann nicht anders, als amüsiert zu schmunzeln, während ich in die Wohnstube laufe und um die Ecke biege. Oma Lore sitzt wie üblich an dem großen Tisch hinter der Küche und liest in einem ihrer vergilbten Bücher. Sie wirft einen schrägen Blick über die Ränder ihrer schmalen, rechteckigen Brille und erkennt mich. Mit einem Mal hellt ihr ernster Blick auf und sie nimmt die Brille von der Nase, die sie vor ihrer Brust baumeln lässt. Neuerdings ist ein Band an den Brillenbügeln befestigt, sodass sie niemals verloren geht.
»Hallo, Oma«, begrüße ich sie in aufrichtiger Freude und lasse mich mit meinen Knien auf dem Stuhl vor mir an ihrer Seite nieder. »Wie geht es dir?«
»Wie soll es schon einer alten Frau gehen?« Sie lacht hell auf. Ein kurzes, hohes Lachen mit einer einvernehmlichen Güte und Grazie, dem ein schräges Schmunzeln folgt. Ihre Hand tätschelt meine begrüßend und warm. »Wie geht es dir, meine Liebe? Kommst du zurecht?«
»Mir geht es bestens«, versichere ich ihr durch vages Nicken. Meine Augen gehen gemeinsam mit meinen Gedanken von der Frage weg. Ich schweife für einen winzigen Augenblick, in dem ich noch nicht einmal genug Zeit zum Ein- und wieder Ausatmen habe, ab. Als ich es bemerke, räuspere ich mich kaum hörbar und richte meine Konzentration wieder auf sie. »Also, wo sind die anderen?«
Sie sieht mich durchschauend an und löst ihre Hand von meiner, die sie zurück zum Buch führt und eine Seite umblättert. »Dein Vater und Cliff suchen in den Wäldern nach Beeren, Pilzen, Kräutern … du kennst das ja. Maarsh ist mit Rain fort. Hat irgendetwas vom Berg gesagt und Camomile ist ebenfalls außer Haus, der Himmel weiß wo. Du musst dich also mit mir begnügen.«
Ich nicke vehement, so schwach, dass ich gar nicht bemerke, wie ich erneut abschweife. Meine Augen wandern über den Tisch. In meinen Ohren raschelt das Papier zwischen Lores Fingern, wenn sie es umschlägt.
»So«, setzt Lore ganz beiläufig an. Ich widme mich ihr hellhörig. »Was treibt dich hierher? Hat dich die Sehnsucht nach deiner verständnislosen Familie gepackt?«
Ihre Augen gehen bedeutsam vom Buch über die Gläser der Brille, die wie gewohnt tief auf der Nasenspitze sitzt, zu mir. Während sie auf eine Antwort wartet, führt sie den Zeigefinger ihrer rechten Hand an ihren Mund und befeuchtet ihn, der sich schließlich wieder an der untersten Ecke des Buches wiederfindet und weiterblättert. Ich sehe sie geistlos an und atme tief aus. »Hör auf, Oma. Das habe ich nie gesagt.«
»Das habe ich auch nicht behauptet«, versichert sie in einem ruhigen, distanzierten Ton, den ich nur zu gut kenne. Das ist ihre Art zu provozieren. Sie überspielt ihren Ärger mit einer Gleichgültigkeit und Gelassenheit, was manches Mal unerträglich für mich erscheint.
»Aber gemeint«, zische ich entgeistert.
»Du hast es gedacht. Über uns. Dass wir diejenigen sind, die kein Verständnis für dich aufbringen können.«
Ich rolle genervt mit den Augen und lasse mich schließlich mit meinem vollen Gewicht auf dem Stuhl nieder. Meine Ellenbogen heben von der Tischplatte ab und befördern meine Arme auf das Knie vor mir, auf das ich meinen Kopf verschränke.
»Wir können es verstehen und lassen dich deinen eigenen Weg gehen, wie du ihn für richtig siehst. Nur solltest du dabei auch einsehen, dass nicht nur wir Fehler gemacht haben. Nicht nur wir hatten unsere Geheimnisse und es waren auch nicht nur wir, die egoistisch gehandelt und andere im Dunklen gelassen haben. Hayden, Liebes, nicht nur wir sind diejenigen, die Einsicht zeigen müssen, Verständnis aufbringen und sich schuldig fühlen sollten. Nicht nur wir«, führt sie weiterhin in ihrem beiläufigen, ruhigen, wenn auch eindringlichen Ton aus. »Einen Minztee?«
Mein Kopf hebt sich aus der Haltung. »Nein, danke.«
Sie hebt ihre Tasse und setzt sie an ihre Lippen, an deren Rand einzelne Falten entstehen und sich wieder glatter ziehen, sobald sie den Schluck getrunken hat. Ein bekömmlicher Hauch folgt stumm. »Ich habe gehört, dass die Felder gut bestellt sind und das Wachstum zügig vorangeht?«
»Das Wetter ist für die Saat ideal. Nicht zu warm, dennoch immer mal wieder Sonne und ausreichend Regen«, bestätige ich ihr erstaunlich normal. Es ist zur Normalität geworden, dass in unseren Unterhaltungen durch die Blume Vorwürfe und Zurechtweisungen erfolgen und wir schließlich eine einigermaßen anständige und gewöhnliche Konversation führen. Es ist vielleicht nicht die Idealvorstellung, wie die Dinge zu laufen haben, doch besser so, als dass wir gar keinen angemessenen Umgang mehr miteinander pflegen könnten. Oma Lore nickt zufrieden und nimmt erneut einen Schluck aus der Tasse. Ihre Hände stützen sich auf die Tischplatte und heben ihren Körper an.
»Was brauchst du? Ich hole es dir«, werfe ich ein und meine Hände weisen sie auf ihren Platz zurück. Doch sie lässt nicht ab. Ihre Hand wimmelt mich ab und so lasse ich sie weitermachen.
»Nicht der Rede wert. Auf meine alten Tage kann ich mich nicht beklagen«, lacht sie zurückhaltend auf. Ich sehe bloß noch ihren Hinterkopf, wenn sie mit mir spricht. »Es kommt der Tag, an dem du wach wirst und merkst, dass dir die Knochen wehtun und du dich kaum noch bewegen kannst ohne Schmerzen zu haben. Auf diesen Tag warte ich bis heute. Ich kann mich also nicht beklagen.«
Ich weiß nicht was ich sagen soll und lasse mich erneut auf dem Stuhl nieder. Sie hat recht. Für ihr Alter ist sie noch erstaunlich fit. Erst jetzt fällt mir auf, dass ich ihren Gehstock gar nicht an einer ihrer Seiten sehe. Doch auch ohne ihn, geht sie recht stabil und sicher. Sie bewegt sich auf das Bücherregal zu, das an der Wand vollgepackt mit alten Wälzern steht. Sie packt das Buch weg und fährt prüfend mit ihren Fingern die Einbände mit den Titeln entlang. Nach ein paar Ansätzen stoppt sie und ihren Lippen entweicht ein wortloser Laut, der den Erfolg ihrer Suche ankündigt. Mit einem neuen Buch in der Hand kehrt sie zurück an den Tisch. Mir fällt die geschlossene Klappe inmitten des Regals auf. Ich hatte mich schon immer gefragt, was sich dahinter verbirgt. Sie ist groß genug, um eine Menge dahinter zu verstauen. Als Kind dachte ich an Schädel und andere abgedrehte Gegenstände, die dort versteckt liegen. Doch ich hatte mich niemals getraut nachzufragen. Warum, weiß ich nicht. Vielleicht, war es doch nicht so interessant gewesen. Wäre sie immer wieder heimlich geöffnet und geschlossen worden und hätten die Erwachsenen darum ein riesiges Geheimnis gemacht, wäre mir die Frage ganz sicher schon einmal über die Zunge gekommen. Ist sie bisher jedoch noch nicht. Bisher.
»Oma, was befindet sich eigentlich hinter dieser Klappe da?« Mein Finger deutet auf das Bücherregal. Oma Lore sitzt wieder. Sie sieht mich mit fragenden Augen an und dreht sich verwundert zum angezeigten Ort um. Als sie durchschaut, worauf ich hinaus will, hält sie einen kurzen Moment inne. Dann widmet sie sich wieder mir. Ihr ernster Blick weicht plötzlich einem gleichgültigen, lockeren Lächeln, dem ein Kopfschütteln nachgeht.
»Sieh selbst nach«, fordert sie mich auf. Ich sehe sie verdutzt und gleichsam skeptisch an. »Na los, Kind. Mach schon. Sieh für dich selbst nach.«
»Sie ist verschlossen«, schiebe ich verunsichert ein. »Ich brauche einen Schlüssel.«
Plötzlich schüttelt sie erneut ihren Kopf, auf dem zu meinem Erstaunen recht dickes, zum Dutt gebundenes Haar liegt. In den letzten Monaten muss sie sich ihre Haare nicht mehr geschnitten haben. »Das Ding ist schon seit Jahren nicht mehr verschlossen. Deine schusselige Oma Ped hat den Schlüssel verloren, weshalb wir die Klappe ausgetauscht haben. Es gibt zu diesem Schloss gar keinen Schlüssel.«
Ich kann nicht anders als verwirrt zu kichern. Ist das zu fassen? Ich hätte schon viel früher nachsehen können und doch habe ich es nie getan, da ich davon ausging, sie sei verschlossen. Oder war sie mir im Endeffekt doch ziemlich egal?
Ich gehe auf das Regal zu und bleibe vor der Klappe stehen. Als würde dort das Geheimnis der Welt verborgen liegen. Voller Spannung atme ich bedeutend ein und greife schließlich mit meinen Händen die Seiten der Klappe. Meine Fingerkuppen streichen nachdenklich und irgendwie auch unsicher über das Holz. Ich könnte schwören, ich höre Oma stumm lachen. Doch als ich mich zu ihr umdrehe, sitzt sie still und konzentriert lesend in meinem Rücken. Meine Fingerspitzen drücken sich in die Ritze zwischen Regal und Klappe und schließlich öffne ich sie. Ich kann nicht glauben, was ich sehe.
»Gläser und Gebrautes?«, haucht es entsetzt über meine Lippen. Das Fach hinter der Klappe ist beinahe leer. Es stehen drei Gläser, die zugegebenermaßen schön verziert und vergleichsweise kostbar in meinen Augen erscheinen, sowie vier – nein – fünf größere Glasgefäße mit Verschluss und unterschiedlich hellem oder dunklem Gebräu darin. »Euer Brandsaftlager?«
»Was dachtest du denn bitte, was darin wäre? Ein Kobold mit einem Topf voll Gold?!«, scherzt Lore genüsslich lachend und dreht sich erstaunlich gelenkig so weit um, dass ihr rechter Arm über der Stuhllehne liegt.
Ich sehe sie stirnrunzelnd an. »Ein was?«
»Ein Kobold. Ein kleiner, fieser Giftzwerg. Vermögend aber geizig. Mag keine Kinder. Schimpft den lieben, langen Tag. Vergleichbar mit meiner Schwester«, plappert sie befremdlich losgelöst weiter. Ich sehe sie perplex an. »Wenn du sie gekannt hättest, wüsstest du, wovon ich rede.«
»Ich wusste gar nicht, dass du eine Schwester hattest«, staune ich ehrlich verwundert. Sie dreht sich mit einem Schulterzucken wieder von mir weg und nimmt sich das Buch an. Meine Finger gehen über das schöne Glas mit seinen Verzierungen. Ich stutze, als ich die abgenutzten Stellen auf der Ablage bemerke. Viele rechteckige Abnutzungserscheinungen, die sich in unterschiedlicher Breite vom vorderen Ende zum Regalrücken ziehen. Erst jetzt bemerke ich ähnliche Spuren an der Wand, wo das Holz ebenso abgenutzt erscheint. Ich halte kurz inne. Mein Blick bleibt an den Büchern hängen. Ich drücke instinktiv einzelne auf den Regalbrettern neben der Klappe ein. Unter ihnen sind dieselben Spuren zu erkennen. Hinter der Klappe standen mal Bücher. Ich frage mich, warum sie jetzt nicht mehr dort stehen.
»Der wievielte Tag ihrer Reise ist denn heute eigentlich schon wieder?«, bricht Lore plötzlich unerwartet die anhaltende Stille. Ich schrecke aus meinen Gedanken heraus und drehe mich ihr schlagartig zu. Sie sieht mich freundlich lächelnd an. Ihr Arm stützt erneut auf der Lehne. Irgendetwas sagt mir, dass sie die Frage nicht aus Interesse oder gar Unwissenheit fragt.
»Der vierzehnte. Heute Abend ist die Plünderung«, hauche ich als Antwort.
Oma nickt nachdenklich. »Sie werden es schon schaffen. Mach dir keine Sorgen.« Ein Lächeln trifft mich. Ohne weitere Worte zu sagen, verharrt sie in ihrer Position und auch das Nicken geht kontinuierlich weiter. »Ich bin mir hundertprozentig sicher.«
»Standen hier mal Bücher?«, wechsle ich das Thema ohne einen geschickten Übergang zu finden. Wie soll ich auch von der Plünderung auf die Klappe wechseln, ohne dass es unpassend klingt?
»Bücher?«, hakt Lore skeptisch nach. Ihr Kopf neigt sich zur Seite. Sie nimmt ihre Brille in die Hand und drückt mit dem Ende eines Bügels immer wieder auf ihre Lippen. »Sicherlich standen dort auch irgendwann einmal Bücher, Liebes. Es ist immerhin ein Bücherregal.«
»Richtig. Hier müssen eine lange Zeit Bücher gestanden haben. Das Holz ist deutlich abgenutzt. Wo sind sie denn jetzt hin?«
»Ach, was weiß ich. Vielleicht stehen sie jetzt irgendwo zwischen den anderen unzähligen Büchern herum.« Irgendetwas an ihr ist verdächtig. Wenn ich mich nicht irre, versucht sie etwas vor mir zu verheimlichen. Ich dachte, über diesen Punkt wären wir hinweg. Ich muss mein Misstrauen ungeschickt im Gesicht wiedergeben, da sie plötzlich tief ausatmet und aus ihrer starren Haltung hinausfällt. »Waren irgendwelche Bücher über die Städte. Der Himmel weiß was.«
»Über die Städte?«
»Ja, deine Eltern und die anderen dachten, dass es sicherer sei sie wegzuschließen. Sehr wahrscheinlich haben sie die letztendlich weggeräumt.«
»Weshalb weggeräumt?«
»Himmel, Hayden. Frag deinen Vater oder einen der anderen, wo sie die hingepackt haben. Ich fühle mich dafür weder verantwortlich noch schuldig. Es gibt nichts über die Städte, was ich nicht weiß. Ich habe schon Jahrzehnte keinen Blick mehr in die Bücher geworfen.«
Ich weiß nicht, ob ich ihren Worten Glauben schenken soll, doch was hätte sie für einen Grund mich anzulügen. Ich weiß ehrlich gesagt auch gar nicht, weshalb ich so darauf beharre, wo die Bücher sind. Allerdings sind sie umso interessanter für mich geworden, seitdem ich weiß, dass sie über die Städte schreiben. Ich sollte ein anderes Mal wiederkommen und Vater darauf ansprechen.

*

Es ist nicht das günstigste Wetter, um den Sonnenuntergang zu beobachten. Man sieht ihn erst gar nicht. Die zugezogene Wolkendecke verschluckt alles unter sich. Ich kann nur erahnen, wie spät es gerade sein könnte. Aus dem Wolkendickicht fällt es klamm auf die Erde nieder. Ein feuchter Schleier, ein Film aus feinsten Tröpfchen legt sich über die gesamte Umgebung und mich. Meine Augen hängen müde an dem dunklen Metallrohr, das zwischen den tiefhängenden Blättern aus der Erde ragt. Jetzt, wo ich selbst schon in der Stadt gewesen bin, erscheint mir die Metalloberfläche gar nicht mehr so seltsam. Die gesamten Gebäudekomplexe bestanden aus einer Fassade, die dem Rohr sehr nahe kommt. Es ist das erste Mal seit meiner Rückkehr, dass ich wieder hier oben auf dem Berg bin, wo ich das Rohr erstmalig zu Gesicht bekommen habe. Heute Abend wird der Kanonenschuss fallen, der uns allen in der Siedlung den Start der Plünderung verkünden soll. Meine Beine wippen nervös, während ich geradewegs auf das Rohr starre. Meine Augen sind wie festgeklebt. Ich bekomme sie gar nicht mehr weg von ihm.
Heute vor genau drei Monaten stand ich mit Mylake und Sage zwischen den Bäumen vor der Stadtmauer. Ich kann mich daran erinnern, als sei es erst gestern gewesen. Ich frage mich immer wieder, ob es wirklich sein kann, dass mir all das Erlebte tatsächlich widerfahren ist oder ob ich es mir nicht bloß einfach eingebildet habe. Innerhalb weniger Stunden bin ich in die Stadt gelangt, habe den Weg zum Lagerhaus bestritten, es betreten, bin einem Angriff entkommen und wieder zurück zum Stadttor gelangt. Ich war gefangen, bin durch den Untergrund geflohen, bin einer gigantischen Wasserfontäne entkommen und stand schließlich erneut vor der Stadtmauer. Das alles in nur wenigen Stunden. Womöglich findet sich schon in einigen Stunden jemand in exakt derselben Situation wieder. Ob Ashia und ihre Familie jemandem ihre Hilfe anbieten werden? Nimmt Ashia erneut ihren Scheinnamen Elyse an, um weiterhin unerkannt und ohne Befürchtungen in der Stadt leben zu können? Schaffen es Yisle, Dew und Rihsten unbeschadet zurück? Ich weiß, dass nicht alles nach Plan läuft. Ich habe es am eigenen Leib zu spüren bekommen. Wüsste ich doch bloß, wie spät es ist, um eine ungefähre Ahnung zu haben, wann die Sonne …
Schlagartig fällt mir die Armbanduhr ein, die ich von Bekku zur Flucht bekommen habe. Warum habe ich da nicht schon eher dran gedacht. Meine Hände reiben abwechselnd das jeweils andere Handgelenk. Ich trage sie nicht bei mir. Warum auch? Ich trage sie fast nie bei mir. Ich springe auf und setze zu laufen an. Je dichter die Bäume wachsen, desto klarer wird mir, dass es schon wesentlich später sein muss, als ich vermutet hatte. Es ist so unglaublich dunkel im Wald. Ich beeile mich umso mehr.
Der Boden ist matschig und ich rutsche hin und wieder in der braunen Pampe aus, die den Waldboden fast gänzlich bedeckt. Der Regen fällt nun in zunehmend dickeren Tropfen vom Himmel. Mit ihnen meine Tränen, die plötzlich in meinen Augen aufsteigen. Ich weiß nicht, worin der Grund für sie besteht. Enttäuschung. Angst. Es könnte alles und nichts sein. Die heißen Salzperlen brennen in meinen Augen und rollen in ihren spürbaren Flammen mein nasses Gesicht hinunter, in das sie sich einbrennen und ein Lauffeuer entfachen. Die kalten Wellen löschen das Feuer und spülen die Flammen mit sich auf den Boden. Je fester der Himmel sich über mich ergießt, desto schneller tragen mich meine Beine und Füße voran. Ich bin fast in der Siedlung angelangt, als mich die Dunkelheit fest in ihren Fängen hält und vollkommen umschließt. Mit einem Mal erhellt sich die Welt, als wolle der Tag die Nacht bekämpfen. Kurz darauf bricht ein Donner über unsere Siedlung ein. Ich erschrecke so stark, dass ich zu Boden gehe. Die Sohle meines Schuhs gleitet über den Matsch zur Seite, sodass ich keine Möglichkeit mehr finde, mir Halt zu verschaffen. Das braune Wasser spritzt mir in die Augen, die Nasenlöcher und den Mund.
Wieder erhellt sich die Umgebung und wird umgehend durch das Geröll des Donners verschüttet.
Ich stehe mühsam auf. Meine Füße rutschen wieder und wieder über den Boden. Ich renne weiter, als sei nichts gewesen. In meinem Haus angekommen, stoße ich die Türe mit einer Wucht zu, dass das gesamte Haus erbebt und Gefahr läuft einzustürzen. Ich krache mit dem Rücken in die Tür und falle zu Boden. Meine durchtränkten Ärmel schlingen sich um meine angezogenen Knie zu einem Knoten. Dann bricht es über mich ein. Ich weiß nicht, was es ist, doch es treibt mir Tränen herauf. Lavaströme ergießen sich durch meine brennenden Augen. Wenn ich das Salz auf meinen Lippen nicht schmecken würde, wäre ich mir nicht einmal sicher, ob es auch tatsächlich Tränen sind und nicht Blut. So heiß und schwer drücken sie sich in meine Wangen.

*

Der Himmel liefert sich noch immer einen erbitterten Krieg. Blitze jagen durch die Nacht; Donner erschlägt die Stille. Bekkus Armbanduhr liegt auf dem Boden neben mir. Zwischendurch drücke ich den Knopf an der Seite, damit die Ziffern aufleuchten und mir die Uhrzeit verraten. Das letzte Mal zeigten sie 07:51 PM an. Jetzt schon 08:36 PM. Ich kann mich nicht erinnern, wann genau die Nacht der Plünderung normalerweise beginnt. Der Kanonenschuss hat uns darauf hingewiesen. Bei diesem Rummel und Krach würde man ihn niemals heraushören können. Meine Arme liegen schwer und träge verschränkt auf dem Fensterbrett in der leeren, oberen Etage. Die Fensterläden sind offen. Ich beobachte die Blitze, wie sie aufflimmern und verglühen. Mein Kinn ruht auf meinen Armen. Ich glaube, ich habe mich daran gestoßen, denn bei zu großem Druck schmerzt es ganz leicht.
Die Tür knallt plötzlich und ich schrecke auf. Dabei stoße ich mit meinen Kopf an das obere Fensterende. »Hayden? Bist du da?«
Es ist Vater. Was er wohl hier macht? Ich lausche einen Augenblick still und halte inne. Als warte ich ab, was er tut. Ob er aufgibt und wieder gehen wird, wenn ich einfach nicht antworte? Ich weiß nicht, ob ich ihn sprechen möchte. Dem Anschein und den hohlen Schritten nach zu urteilen, bewegt er sich unten in der Wohnung herum. Ich warte noch immer ab.
»Hayden!«
Der Dielenboden knarrt nicht mehr. Er muss stehen geblieben sein. Ob er nun auch lauscht, um etwas zu hören? Dann folgen zwei oder drei Schritte und ein dumpfes Klopfen zieht durch die dünnen, morschen Holzbretter. Dem folgt ein Schaben und Kratzen. Ich höre ihn murmeln. Er muss sich auf einem der Stühle niedergelassen haben. Ich versuche mir sein Gesicht vorzustellen. Zeichnet es Sorge ab oder liegen seine Brauen in ernster Miene tief in den Augen? Schließlich knarrt der Boden wieder. Dem Knarren folgt ein schriller Schrei. Eine meiner Türen. Es ist jedoch nicht die Wohnungstür, da ich noch immer seine Schritte wahrnehme. Schließlich ächzen und krachen die Stufen. Er kommt rauf. Mein Herz klopft plötzlich rasend schnell, als fühlte ich mich ertappt. Ich lege meine Arme und den Kopf zurück auf das Fensterbrett und tue ganz entspannt. Kurz darauf schwingt die Tür in den Raum hinein. Schritte gewinnen Einzug.
»Hier bist du«, entweicht ihm seine Stimme ruhig und gelassen. »Hast du mich nicht rufen gehört?«
»Ich habe dich gehört. Habe dir nur nicht geantwortet in der Hoffnung, dass du dann wieder gehen würdest«, antworte ich ihm unbetont und schwer verständlich, da mein Kinn schwer auf den Armen liegt und sich nicht gut bewegen lässt.
»Das hatte ich schon befürchtet«, gesteht er, seiner Stimme nach zu urteilen, niedergeschmettert. »Ich habe dir etwas Eintopf mitgebracht. Für den Fall, dass du noch nichts gegessen hast und hungrig bist.«
»Das ist nett«, sage ich bloß und versuche gleichgültig zu bleiben, doch ich komme nicht darüber hinweg, dass es eine nette Geste von ihm ist. Außerdem habe ich tatsächlich noch nichts gegessen und tierischen Hunger. Ich bin froh, dass es so stark gewittert. Ansonsten hätten selbst meine nächsten Nachbarn in einigen Metern Entfernung das Magenknurren wahrgenommen und womöglich einen ausgehungerten Wolf vor der Tür vermutet.
»Noch ist er warm. Wenn du also jetzt sofort essen möchtest?« Seine Worte formen eine Frage, auch wenn ich genau heraushöre, dass es eine Aufforderung ist. Dazu kenne ich Vater gut genug. Vielleicht sorgt er sich auch bloß um mich.
»Also schön«, zische ich in einem genervten Ton, der keineswegs gewollt ist, sondern ganz automatisch mitschwingt, sobald ich mit ihm spreche. Ich kann es nicht abstellen, befürchte ich. Ich schließe die Fensterläden, die uns in vollkommener Dunkelheit zurücklassen, und folge Vater in die Wohnstube. Bereits auf der Treppe kriecht mir ein angenehmer Geruch von warmem Eintopf in die Nase. Anders als in den kalten Jahreszeiten, in der der Hunger einem einen Geruch vorgaukelt, den es so nicht gibt, ist das hier und jetzt keine Einbildung sondern Realität. Er riecht tatsächlich gut. Es müssen die frischen Zutaten sein, die wir von Mitte Mai bis Ende Oktober von den unterschiedlichen Feldern um unsere Siedlung bekommen. Vater hat eine Kerze angezündet, die neben dem dampfenden Topf steht und den Raum in ein schummriges Licht tränkt. Er schenkt mir mit einer Kelle den wohlriechenden Inhalt des Topfes in eine Schüssel ein.
»Isst du nicht mit?«, frage ich ihn, nachdem ich bereits den ersten Löffel hungrig in meinen Mund gesteckt habe. Er schüttelt den Kopf und legt ihn auf seinen Arm, der auf dem Tisch lehnt.
»Schmeckt es dir?«
»Schmeckt super«, versichere ich ihm, der mich beim Essen beobachtet. Das ist wirklich seltsam, aber er lächelt währenddessen, obwohl seine Augen traurig wirken. Ich meide seinen Blick und senke mein Gesicht zur Schüssel hinunter.
»Wie siehst du eigentlich aus?«, bemerkt er mit schmalen Augen, als ich so vor ihm im Licht sitze. Ich schiele an mir herunter. Erst jetzt bemerke ich wieder meine nasse Kleidung, die inzwischen kalt auf meiner Haut liegt. Der Matsch ist bereits an manchen Stellen getrocknet und drückt schwer wie eine fremde Haut auf meine. Ich zucke mit den Schultern und schiebe einen weiteren Löffel des Eintopfs nach.
»War halt draußen«, schmatze ich kaum vernehmbar zwischen den Bissen. Er nickt meine Antwort ungewöhnlich ruhig und ungeduldig zugleich ab.
»Lore erzählte, dass du heute bei uns warst.« Es klingt nach einer einfachen Aussage, doch dahinter steht eine unausgesprochene Frage, die ich bestenfalls erahnen und beantworten soll. Stattdessen nicke ich wortlos. Er sieht mich noch immer mit haargenau demselben Blick an. »Du hast dich über Bücher gewundert, die irgendwann einmal hinter der Klappe standen und nun nicht mehr dort sind. Bücher über die Städte. Sollst daraufhin misstrauisch geworden sein?«
Ah, eine Frage. Und eine präzise noch dazu. Ich nicke wieder, doch dieses Mal senke ich den Löffel in die Schüssel und unterbreche das Essen.
»Hayden, ich dachte wir wären über diesen Punkt hinaus. Wir sind nun ehrlich zu dir. Wenn du eine Frage hast, dann frag doch einfach.«
»Das hab ich ja«, antworte ich mit vollem Mund, woraufhin ich den Rest hinunterschlucke. »Aber Lore wollte mir keine Antwort geben. Sie hat behauptet, sie wüsste nicht, wo die Bücher sind. Dass sie schon Jahrzehnte keinen Blick mehr hineingeworfen hat. In die anderen Bücher wirft sie tagtäglich einen Blick rein. Warum dann nicht auch da? Das war eindeutig gelogen.«
»Nein, war es nicht. Sie hatte wirklich keine Ahnung, wo die Bücher sind«, widerspricht mir Vater, dessen linke Augenbraue ansatzweise in die Stirn zieht. »Du hast die falschen Schlüsse gezogen. Schon wieder. Wenn du möchtest, dass alles besser wird, musst du lernen uns wieder zu vertrauen und nicht gleich alles in Frage zu stellen.« Er streichelt meine Hand, die inzwischen auf dem Tisch zum Liegen gekommen ist und neben der Schüssel ruht. »Frag mich!«
Ich sehe von unseren Händen zu ihm herüber. Skeptisch. Mein Hals wirkt trocken. Ich schlucke den letzten Rest des Essens, der sich zwischen den Zähnen verirrt hat, herunter und räuspere mich. »Also schön. Wo sind die Bücher über die Städte, Vater?«
»Und sag dieses Wort nicht. Ich hasse es, wenn du mich so nennst«, weist er mich zurecht, ohne von seinem Lächeln zu weichen.
»Also gut. Wo sind die Bücher über die Städte hingekommen, Dad?«, wiederhole ich und lege besondere Betonung auf das letzte Wort, um meinen Vater zufrieden zu stellen. Er lächelt mir noch intensiver zu und nickt dankend, als seine Hand von meiner ablässt und er sich mit beiden Händen von der Tischplatte abstützt.
»Im Haus von Rihsten und Dew. Komm morgen Mittag zum Essen vorbei. Danach können wir sie gemeinsam holen gehen, wenn du dich dafür interessierst«, antwortet er locker und klopft mit der Faust leicht auf den Tisch. Er sieht mich mit einem väterlichen Lächeln an, das weder bemüht noch aufgesetzt erscheint. Ich erwidere es. Für einen Augenblick ist alles ruhig.
Ein Schuss reißt durch die Siedlung. Er hallt in den Wäldern und Bergen nach. Wir beide schrecken zusammen. Der Kanonenschuss. Die Plünderung hat begonnen.
»Sie schaffen es, Hayden. Mach dir keine Sorgen.«
Seine Hand greift meine und drückt sie beistehend und sanft. Warum sagt mir jeder dasselbe?
Vor meinen Augen ziehen die Bilder entlang. All das Erlebte kommt hoch und überflutet mein Gehirn mit Erinnerungen und Gedanken. Ich muss an die schlimmen Dinge denken, die geschehen sind. Ich sehe die Plünderer, die sich gegenseitig bekämpfen. Das tote Mädchen mit den kurzen, blonden Haaren. Die Abgreifer. Die vielen Leichen in der Wasserfontäne und auf der Wiesenlandschaft. Doch ein einziger Gedanke brennt sich regelrecht in mein Gehirn ein. Mir kommen Ashias Worte wieder in den Sinn, denen ich niemals eine größere Beachtung geschenkt habe: »Eure Gesichter sind ihnen bekannt… Nach einer Weile wird jeder hier in dieser Stadt eure Gesichter kennen… Geldsummen werden auf euch ausgesetzt. So viel, dass es jeden reizen wird… Kurz darauf wird euch jemand finden.«
Was passiert in der Stadt wenn vermeintlich Gefangene spurlos verschwunden sind?
Wirkt es sich auf die nachfolgenden Plünderungen aus?
Und plötzlich wird mir ganz anders und ich wünschte, ich hätte keinen Bissen zu mir genommen.

Sollte ich mir vielleicht doch Sorgen machen?

 

© D. B. Granzow, Sep. 2015

 

Tja, liebe Hayden. Auf diese Frage wirst Du schon sehr bald eine Antwort bekommen. Wie diese ausfällt, erfährst DU demnächst.
Freu dich schon jetzt auf: Aschenkind! Das Manuskript ist fertig!

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