Prolog

29. November

Was ist das erste Weihnachten, an das du dich erinnerst?
Erinnerst du dich an den Schnee? Siehst du den glänzenden Tannenbaum vor dir? Geschenke? Deine Familie? Hörst du das Knistern im Kamin? Das Glockenspiel? Die Carol-Sänger draußen vor der Tür? Das Lachen deiner Liebsten?
Ich schon. Ich erlebe all das und noch so viel mehr, wenn ich meine Augen schließe und an Weihnachten denke. Wir mögen nicht immer dieselben Ansichten teilen, doch ich bin mir sicher, dass es dir ähnlich geht.
Weihnachten.
Allein das Wort lässt unzählige Erinnerungen daran aufleben. Weißt du noch, wie sehr wir die Weihnachtslieder als Kinder geliebt haben? Wir haben sie tagelang geträllert, bis uns der Hals wehtat und unsere Stimmen ganz heiser waren und Ma uns verboten hat zu singen, bis Heiligabend war. Um unsere Stimmen zu schonen, meinte sie. Ja, sicher. Vermutlich meinte sie ihre Ohren. Was haben wir alle schief gejohlt. Na ja, bis auf Kate. Erinnerst du dich an ihre wunderschöne Stimme? Gott, wie hab ich sie immer darum beneidet. Das tu ich wohl noch immer … Dann wurden wir älter und das Singen peinlich, womit sich das für uns nacheinander erledigt hatte.
Traurig, wenn man darüber nachdenkt, findest du nicht? Vieles ist so verdammt traurig. Deshalb erinnere ich mich gerne an die unbeschwerten Tage. Ich weiß, ich schwelge in Nostalgie und je näher Weihnachten nun rückt, desto sentimentaler werde ich. Es ist zum Verrücktwerden.
Aber ich schreibe dir ganz sicher nicht, um dich an Weihnachten zu erinnern. Du ahnst sicher, was der Grund meines Briefes ist. Ich weiß, wir haben uns eine Weile weder gesehen noch gesprochen. Manchmal versuche ich mich an deine Stimme zu erinnern, nur um festzustellen, dass ich es nicht kann. Ich überlege dann, wie lange es her sein mag, dass wir uns das letzte Mal gesehen haben und dann überkommt mich Kummer, wenn ich es nachrechne. Inzwischen sind wir bei fast vier Jahren. Vier. Jahre. Wie kann das nur sein? Warum?
Ich weiß nicht einmal, ob diese Adresse noch aktuell ist. Das weiß niemand. Du hast uns aus deinem Leben ausgeschlossen und wir wissen nicht einmal wieso. Ich möchte dir keine Vorwürfe machen, aber wir alle verstehen nicht, was damals vorgefallen ist. Wir sind deine Familie. Du kannst uns nicht einfach so aus deinem Leben streichen.
Ich habe deine Email-Adresse und sonst dergleichen, aber das fand ich eher unpersönlich. Ich hoffe sehr, dass dich dieser Brief erreicht und du ihn in deinen Händen hältst und ich bete zu Gott, dass es dich überhaupt noch gibt.
Das letzte Lebenszeichen haben wir vor knapp zwei Jahren erhalten. In einer popeligen Email. Ich bitte dich! Das konnte doch nicht dein Ernst sein. Werde doch bitte wieder unser Bruder Chris. Der süße Junge von damals. Wir vermissen ihn nämlich unbeschreiblich. Auf die Mail von Jil hast du nicht einmal geantwortet … Wir machen uns wirklich schreckliche Sorgen!
Die Sache mit Pa hat uns alle schwer getroffen. So viel Papierkram und Dinge, die geregelt werden mussten. Das war nicht einmal nach Mas Tod so schlimm, aber damals hatte sich Pa ja da drum gekümmert. Jedenfalls stehen wir noch vor einer letzten Entscheidung, die wir dir nicht vorenthalten wollen … Wir verkaufen das Haus … Ich bekomme schon Bauchschmerzen, wenn ich nur daran denke…
Macie, Jil und Kate können sich die Instandhaltung nicht leisten. Duncan und ich haben gerade erst unser Eigenheim erstanden und scheiden somit ebenfalls aus. Lewis kann seinen Job nicht deswegen hinschmeißen und du – von dir hören wir nicht ein Sterbenswörtchen. Also werden wir es schweren Herzens verkaufen müssen. Ach verdammt – warum warnt einen niemand vor, dass das Leben manchmal so ein Arsch sein kann? Zum Kotzen ist das!
Jedenfalls, wir alle haben gesagt, dass wir dort ein letztes Mal gemeinsam Weihnachten feiern werden. Ganz genau so wie früher. Wir Mädels werden bereits einige Tage vorab im Haus sein – Dinge aussortieren und einpacken, dekorieren und uns gegenseitig an die vielen Geschichten erinnern, die wir dort erlebt haben. Einfach ein paar letzte Tage in den vertrauten vier Wänden verbringen und uns daran erfreuen, solange wir noch können. Da fällt mir ein, dass ich den Vorrat mit Taschentüchern, Schokolade und jede Menge Wein auffüllen muss.
Spaß beiseite! Aber der Verkauf des Hauses ist so verflucht schwierig, dass ich nur mit Humor dagegen ankomme. Wir wollen das einfach nicht in dieser lieblosen Art und Weise hinter uns bringen, als wäre es irgendein x-beliebiges Immobiliengeschäft. Immerhin verkaufen wir ein Stück unseres Lebens. Eine Erinnerung. Einen Teil unserer Kindheit. Ich würde es gerne vermeiden, aber wir haben jede erdenkliche Möglichkeit in Betracht gezogen. Tja, so spielt nunmal das Leben, oder?
Na ja. Lewis wird kurz vor Weihnachten ankommen. Je nachdem wie er es einrichten kann. Wir würden uns unglaublich freuen – nein, wir hoffen wirklich, dass wir dich auch zu Gesicht bekommen. Damit die gesamte Familie nach viel zu langer Zeit wieder zusammen an einem Tisch sitzt. Ein schönes großes Festessen wie es Ma immer gezaubert hat. Ein letztes Mal an demselben Tisch wie früher. Es soll ein gebührender Abschied werden. Auch aus Respekt gegenüber Ma und Pa. Sie hätten es so gewollt. Du weißt, wie sehr sie dieses Fest geliebt haben. Wie sehr wir es alle geliebt haben.
Bitte, Chris, komm auch. Wir sind eine Familie und es ist doch Weihnachten.
Weihnachten.
Woran denkst du, wenn du Weihnachten hörst? Hoffentlich denkst du an deine Familie und hoffentlich bekommst du ein schlechtes Gewissen. Wir vermissen dich. Wir brauchen dich.

Wir lieben dich, kleiner Bruder.

Kuss,
                 Joe

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