Wenn es an der Tür klopft und einen die Sense streift…

Ich weiß nicht, was diese Woche mit mir los ist. Ich bin übermotiviert (sehr wahrscheinlich um mein Gewissen zu beruhigen, dass Ich die kommenden Wochen weniger Zeit haben werde).

Habt ihr euch auch schon einmal die Frage gestellt, was es mit dem Leben und dem Tod so auf sich hat?

Im Rahmen eines „Spaßwettbewerbs“ unter Autorenkollegen, habe Ich eine Kurzgeschichte eingeschickt, die ins Rennen gehen soll. Da fiel mir auf, dass Ich sie ja – ob Gewinn oder nicht – ruhig auch mal an dieser Stelle posten und zum Lesen anbieten könnte. Um zu zeigen, dass Ich auch andere Seiten habe, als nur die des Phoenix mit Hayden.
Viel Spaß beim Lesen und einen schönen Tag allen zusammen!

 

DIE SACHE MIT DEM TOD

 Das Leben. Wir werden alle in eins hinein geboren. Haben keinen Einfluss darauf. Können es uns nicht aussuchen. Wir bekommen es einfach zugeschrieben. Ob es uns passt oder nicht. Mit jeder unserer Taten beeinflussen wir es und bringen es in eine Richtung, die wir für uns vorsehen. Als ich noch ein kleiner Bub war, sagte meine Oma immer: „Das Leben ist eine unendliche Autobahn. Verpasst man die eine Ausfahrt, nimmt man die nächste. Alle Wege führen ans Ziel. Egal welchen man einschlägt.“ Was meine liebe Oma – möge sie in Frieden ruhen – dabei jedoch immer geschickt verschwiegen hatte, war die Tatsache, dass es kein Entkommen von der Autobahn gibt und sie für jeden einzelnen von uns tödlich endet. Das Kollektivziel, wenn man so will, ist demnach der Tod. Ein aussichtsloses Unterfangen diese Autobahnmetapher. Ich frage mich noch heute, ob sie es absichtlich ausgelassen hatte oder ob sie es einfach nicht besser wusste.
Mit dreiundneunzig verkündete ihr schließlich das Navi: „Sie haben ihr Ziel erreicht!“
So muss es für sie gewesen sein, um in ihrer Metapher zu bleiben. Uns teilten die Ärzte ihren Tod mit. Die liebe Oma hatte denen wohl auch ihre Autobahntheorie gepredigt. Der Arzt sagte etwas von einer langen Reise und dem Licht am Ende. Heute weiß ich natürlich, dass man das so sagt. Als elfjähriger Knirps war dem noch nicht so. Was ich rückblickend allerdings sagen kann, dass mich der Tod seither beschäftigt hat. Nicht nur der Tod. Mit ihm das Leben. Fragen wie „Was ist der Sinn des Lebens?“ oder „Gibt es einen Gott? Einen Himmel? Ein Leben nach dem Tod? Gibt es einen Tod? Einen Sensenmann?“ füllten mein unbeschwertes Köpfchen. Mich haben diese Gedanken immer wieder in ruhigen Stunden eingeholt. Schlauer bin ich dabei niemals geworden. Eher schlossen meine philosophischen Tauchgänge in den Fragensumpf rund ums Leben und den Tod mit einer weiteren Frage: Gibt es überhaupt Antworten? Vielleicht ein Ministerium oder Rat, der sich damit ausgiebig und intensiv beschäftigt? Ich musste bitter feststellen, dass es solch ein Ministerium nicht gab. Nicht direkt jedenfalls. 25 Jahre später war ich kein Stück schlauer, wie die ominöse Affäre, die wir Menschen mit dem Leben und dem Tod am Laufen haben, begonnen hat und worin ihr Zweck bestand.
Die Sache mit dem Tod blieb mir ein Mysterium.
Doch eines Tages hatte mich das Leben fest in seinen Fängen und es gab weitaus größere und bedeutendere Probleme, mit denen ich mich herumschlagen musste. Miete, Wohnung, Freundin, Job. Um einen Bruchteil der Dinge zu nennen. Der Tod aber blieb ein präsentes Thema im Hindernisparcours, der sich Leben nannte. Meine lieben Eltern segneten das Zeitliche sowie die restlichen drei Großeltern, ein Onkel und die ein oder andere Katze der unglaublich einsamen Nachbarsfrau. Die Reihenfolge versteht sich nach dem Grad meiner Trauer. Dass ich die Katzen überhaupt mit aufführe, spricht ihnen schon viel zu großes Interesse meinerseits zu. Das sollte ich vielleicht überdenken…
Wo war ich? – Ah, die Sache mit dem Tod.
Da gab es beispielsweise den Kommilitonen, der sich vom Balkon seines Appartements im 23. Stock warf und starb. Die Freundin meines Schwagers Bruder, die sich vor den ICE von Düsseldorf nach Bremen warf und starb. Oder die Mutter des Freundes eines Freundes einer Freundin meiner Freundin, die sich vollbekleidet in die Badewanne legte, die Dusche anstellte und ein elektrisches Gerät mit sich brachte, es ins Wasser warf und starb. Ich könnte ewig so weiter machen und mit jeder neuen Person würde es ausgefallener werden. Was sich die Menschen in ihrer Verzweiflung doch für komplexe und kreative Gedanken machen, wie sie sich von dieser Welt und ihrem Leben verabschieden wollen. Ich fragte mich immer, wo sie die Zeit dafür hernahmen. Ich hatte noch nicht einmal Zeit meine Mahlzeiten zu kauen oder meine Klamotten zu wechseln. Wenn ich nicht zuhause war, war ich arbeiten. Wenn das nicht der Fall war, bin ich im Krankenhaus gewesen. Ich hatte gar keine Zeit dafür, mir Gedanken um mein eigenes Ableben zu machen. Eines hatte mir Omas Tod vor etwa 25 Jahren klar gemacht: Jeder beißt irgendwann ins Gras. Das ist der Deal. Du lebst frei nach deinen Vorstellungen, bist für den Mist den du verzapfst selbst verantwortlich und kehrst dann irgendwann dahin zurück, von wo du kamst. Der Tod erwartet uns alle. Da hilft auch kein Stupor oder Expecto Patronum. Und nun schlich er sich erneut in mein Leben. Meine Freundin erkrankte schwer an Krebs. Wir erkannten ihn erst viel zu spät. Die Chemo schlug nicht an. Statt mir mit Hochzeit und Kindern und einem Haus in den Ohren zu liegen, sah sie mich stumm an. Schwach und wortlos. Doch ich verstand ihre Qualen. Der Tod kratzte an ihrer Tür. An unserer Tür. Sie war bereit ihm Eintritt zu verschaffen.
Ich dachte verstärkt über die Sache mit dem Leben und dem Tod nach.
Ich durchlief gedanklich immer häufiger mein eigenes Leben. Mit sechs eingeschult, dreizehn Jahre zum Abitur. Sechs Jahre im Studium. Sechs weitere Jahre in der Ausbildung und schließlich vier Jahre im Beruf. Die letzten sieben Jahre teilte ich es größtenteils mit ihr. Sieben wunderschöne Jahre. Wenn ich darauf zurückblickte, überkam mich eine Unruhe, eine Sentimentalität, Wut, Trauer. Jedes erdenkliche Gefühl. Ich bemühte mich meiner Freundin die verbliebenden Tage so angenehm wie möglich zu machen. Ich brachte Fotoalben, Freunde, Verwandte, Blumen. Doch ihre Augen hatten den Glanz verloren. Ich war ratlos, gab auf und saß stumm an ihrer Seite, hielt betrübt ihre Hand und küsste sie beistehend. Ich pendelte zwischen Krankenhaus und Arbeit. War fast nie zu Hause. An ihrer Seite sitzend fragte ich mich, wie ich unbeschwert weiterleben sollte, wenn sie fort war. Ich fand keine Antwort darauf. Immer wieder kamen mir die vielen Toten in den Sinn, die ich in meinem Leben schon zu Gesicht bekommen hatte. War das Leben bloß ein Test unserer Stärke und Willenskraft? Wollte jemand bloß mit uns allen ein Spiel spielen? Ich muss mich bereits in einer dieser Phasen der Trauer befunden oder geflohen haben, obwohl meine Freundin noch lebte.
Dann kam die Sache mit dem Tod.
Der Tag, der mein gesamtes Leben um 360 Grad wenden sollte. Ich fand Antworten auf die Fragen, die ich so lange vergeblich gesucht hatte. Ich sah eine Möglichkeit meiner Freundin ihre größte Sehnsucht zu erfüllen. Sie sah mich müde an, als ich eintrat. Ich überbrachte ihr die Neuigkeiten meiner Beförderung und stellte ihr eine Frage. Die essentiellste Frage, die ich je stellte. Ihre Augen füllten sich mit Tränen. Der Anblick den sie mir bot rührte mich zutiefst. Vielleicht war es auch nur der Gedanke, sie bald zu verlieren. Sie nickte kaum vernehmlich und reichte mir ihre Hand in der Kenntnis, welche Konsequenz meine Berührung von nun an hatte. Das erste Lächeln seit Wochen kam über ihre Lippen und verschwand mit unserer Berührung. Ich wusste nicht, ob es Erleichterung oder Trauer war, die mir Tränen in die Augen trieb. Vielleicht beides. Es fiel mir jedoch leicht den Tod zu akzeptieren, denn tot sah sie friedlicher aus. Ich hatte ihrem Navi ein neues Ziel erteilt. Sie war angekommen.
Wie ich das angestellt hatte, wollt ihr wissen?
Nun ja, sagen wir es so: Mir bot sich ein Angebot, das ich nicht ablehnen konnte. Eine Beförderung der etwas anderen Art. Oma hatte Recht und es gibt immer einen Weg zum Ziel. Ich wollte das Leben verstehen und es ergründen. Mein Ziel war es, Antworten zu finden. Das hatte ich viele Jahre als Pathologe im Sinne der Biologie getan. Doch die wahren Antworten brachte mir erst die neue Stelle. Eine einzige Berührung. Ich war wie Gott. Nur schenkte ich kein Leben, ich nahm es. Ich nahm die Last von den Menschen, wenn sie mich darum baten. Mit einer kleinen Berührung. Der Tod ist ein Beruf. Nicht gut bezahlt – eigentlich sogar unbezahlt, jedoch auch unbezahlbar. Es gibt etliche Kollegen, die man nicht wirklich kennt und deren Arbeitsmethoden man nicht alle gutheißt. Man fährt auf der unendlichen Autobahn, muss kein Benzin tanken und sich keine Gedanken um das Ziel machen. Man selbst ist das Ziel.
Das ist die Sache mit dem Tod.
Und nein, der Tod ist nicht nur eine einzige Person, trägt keinen schwarzen Umhang, schleppt keine Sense mit sich herum und besteht auch nicht nur aus Knochen. Der Tod ist in meinem Fall 36, Pathologe, 1,92 groß, 96 Kilo schwer, braunhaarig, trägt Jeans, Shirt und braune Lederschuhe, isst gerne Pizza Hawaii und trägt zum Lesen eine Brille.

 

© D. B. Granzow

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